Philosophische Geographie einer Reise
Tomas Raabe
ISBN 3-89954-213-43
Tomas Rabe verfasste auf einer Reise, die ihn auf dem Landweg von der Türkei nach Indien und zurück brachte, ein Reisetagebuch. Darin sind zahlreiche Erlebnisse und Gedanken aufgezeichnet, die man sich auf einer Reise machen kann.
Es geht einerseits um das Erlebender verschiedenen Gesellschaften, andererseits sind es die Beobachtungen am kleinen Mann, seine kleine Geschichte und seine Lebenswelt, wie er lebt und was er hat. Der Autor lebt seit nunmehr dreizehn Jahren in Vorpommern. Zuerst widmete er sich in der Hansestadt Greifswald dem Studium der Geographie. Seit dem Jahr 2000 wohnt er in einem kleinen Dorf in Vorpommern und ist freischaffender Künstler und Kleinstlandwirt,
unter anderem. Das vorliegende Buch ist sein Erstlingswerk.


Leseprobe


21. Februar 2004
..Kurz bevor die kuhlige Sand- und Schotterpiste das Flusstal verlässt, um wieder in die Hügelsteppe zu führen, sind da noch eine Siedlung und ein Kontrollposten. Hier sagt man uns, dass man die Straße nach 16 Uhr nicht mehr befahren soll wegen eventueller Überfälle. Mitten im Nichts, mitten in den Hügeln im Nichts. Es ist allerdings schon einiges später als 16 Uhr. Weiter. Der Mitteilende wünscht uns eine gute Fahrt, und wir wünschen uns das auch.
Die männlichen Buspassagiere lachen. Dunkel. Nun fahren wir wieder Schritttempo. Allradantrieb, sonst würde gar nichts gehen. Nacht. Auf ein mal sind Scheinwerfer zu sehen. Motorradscheinwerfer vielleicht? Was passiert nun? Wer ist hier Nachts in der Steppe unterwegs, wartet da jemand auf solche wie uns? Mit dem Cross-Motorrad ist man hier jedenfalls ohne Konkurrenz. Fehlt nur noch eine Kalaschnikoff, und die Steppe gehört einem, und auch alle die, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Dazu zählen wir aber nicht. Nach einiger Zeit erreichen wir den Posten am Ortseingang von Maimanah. Wir werden dürftig beäugt und passieren. Zum Hotel werde ich noch gebracht, und morgen früh sehr zeitig, schon sechs Uhr, soll es Richtung Herat weitergehen. Aber ob man es an einem Tag von hier dorthin schafft, weiß keiner so genau. Ich bin gespannt. Ein abenteuerlicher Tag mit einem wunderschönen Bauwerk am Morgen, einer märchenhaften Hügelsteppe und einige sehr abgelegenen Siedlungen geht zu Ende. Wie ein Traum.


24. Februar 2004
..Herat gefällt mir auf Anhieb. Nach etwas Suchen und Fragen finde ich die Bushaltestelle beziehungsweise ich werde zu ihr gebracht, und ich kann herausfinden, wie es mit der Weiterreise nach Mashad im Iran steht. Heute geht gar nichts mehr, dafür aber morgen früh um sechs Uhr. Eine neue, erst vor wenigen Monaten eingerichtete, direkte und tägliche Bussverbindung für 220 Afghani bis Mashad. Tee trinken bei den Fahrkartenverkäufern. Danach ein kleiner Spaziergang mit Gepäck. Ich laufe zur "Großen Moschee" von Herat. Sie wird auch Freitagsmoschee genannt. Eine wunderschöne, große Anlage in gutem Zustand. Ich darf rein, wobei "darf" nicht das richtige Wort ist. Es wirkt alles so friedlich und frei und miteinander, ich hätte gar niemanden zu fragen brauchen. Und entgegen meinem Verhalten in früheren Jahren, Moscheen überwiegend von außen zu betrachten, nicht zu betreten und das Gebot, als Nichtmoslem in keine Moschee zu gehen, zu respektieren, betrete ich den Innenhof. Ich setze mich an die Seite und komme mir mal wieder ziemlich unauffällig vor. Ein Mann kommt zu mir und will irgendwas und fragt. Ich verstehe nichts. Er deutet auf meine Kopfbedeckung. Ich ziehe sie ab, weil ich erst glaube, es sei nicht ok, eine solche in der Moschee zu tragen. Das macht aber keinen keinen Sinn, weil alle anderen einen Turban oder eine Mütze, jedenfalls eine Kopfbedeckung, tragen. Er deutet wieder auf die Mütze, die nun neben mir liegt, und jetzt begreife ich. Der Mann will sie haben. Er kriegt sie. Er will nämlich beten und braucht sie dafür. Da setzt er sie auf, und wir freuen uns beide. Er betet mit den anderen so etwa zehn Meter entfernt - auf einem hauchdünnen Stofflaken - auf den glatten Steinen des Innenhofes. Nach fünf Minuten gibt er sie mir wieder zurück und wir freuen uns erneut ...


30. Jannuar 2004
..Ein paar Feuer brennen. Viele Leute stehen und jeweils auch um die Feuer herum. Sie stehen um die Feuer herum, in denen die Körper ihrer Verwandten verbrannt werden. 50 bis 100, manchmal 90 bis 180 Leichname werden hier täglich eingeäschert. Bestenfalls nur einige Stunden, nachdem der Tod eingetreten ist. An den 365 Ghats, den Stufen und Treppen des Ganges, gibt es nur zwei Ghats, also Abschnitte, an denen die Verbrennungen stattfinden. Beide krematorischen Bereiche sind seit langer Zeit im Besitz einer 480-köpfigen Familie, was mir einer von ihnen erzählt. Und noch mehr berichtet er. Frauen dürfen den Einäscherungszeremonien nicht beiwohnen, weil sie weinen und schreien und das würde den Verstorbenen nicht freuen, und, weil Frauen sich bis vor 27 Jahren während der Verbrennung selbst in die Flammen stürzten und sich opferten, wenn ihr Ehemann starb. Oder wenn sie nicht von selbst wollten, wurden sie von den Angehörigen ins Feuer zur lebendigen Selbstverbrennung getrieben! Von der reinigenden Verbrennung der Leichnahme sind sechs Personengruppen ausgenommen, weil sie aus verschiedenen Gründen schon rein sind. Das sind Heilige, weil sie sowieso rein sind, Schwangere, weil sie während der neun Monate göttlich beschützend für das Kind sind und somit auch rein. Kinder unter neun Jahren sind rein, weil sie unwissend und deshalb unschuldig und rein sind. Von der Schlage gebissene werden nicht verbrannt, weil die Schlange das Symbol Shivas ist, und deshalb sind sie rein und göttlich, und Pocken- und Lebrakranke werden nicht verbrannt, nur den Grund dafür hab ich mir nicht merken können.
Diese sechs Personengruppen sind rein und werden nicht verbrannt ...

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